design denkt zukunft

2016

Faulheit

Spielformen des Faulen –
eine Lecture Performance

Faulheit stinkt: Sie steht im Ruf, korrupt zu sein. «Wer faul ist, fällt der Gesellschaft zur Last», galt bis in die frühen siebziger Jahre als unumstrittenes Gesetz der Leistungsgesellschaft. Doch als aktives Nichtstun erfährt die Faulheit im Schatten der Ölkrise eine ungeahnte Wertschätzung. Von der Disco bis zur Power Diät, dem Aktivurlaub bis zur Seniorenuniversität, der Generation Y bis zum «Golden Ager wird sie mehr denn je gesucht, trainiert und einstudiert.

In Zeiten der Rezession, des Stillstands und der Ressourcenschonung hat die Faulheit ihren Schrecken verloren. Im Spannungsfeld von Be- und Entschleunigung, Burn-Out- und Nachhaltigkeitsdebatten wird sie als Ressource neu entdeckt. Auf den alten Imperativ «sei produktiv» antworten nun Achtsamkeitsappelle wie «slow down», die die Erschöpfungszustände recyceln, um sie erneut der Wertschöpfungskette zuzuführen. So werden im Kampf um die eigene Work-Life-Balance Müßiggang, Meditation und Kontemplation zum Ausdruck einer neuen Spiritualität, die sich in Trendvokabeln wie Yoga und Mindfulness manifestiert und zuweilen groteske Formate wie Power-Yoga oder Zen-Bootcamps hervorbringt. Daneben eröffnen Projekte wie das «Haus Bartleby» oder das «Hospiz der Faulheit» neue, selbsternannte Widerstandszentralen, die versprechen dem kapitalistischen Hamsterrad vollends zu entfliehen. Aber selbst die Gegenbewegung hat mit der Faulheit ganze Arbeit geleistet. Was von den Normen einer aktiven Faulheit abweicht, wird zensiert und wegrationalisiert.

Was verbirgt sich hinter dem Gespenst der Faulheit? Kann es reine Faulheit überhaupt geben: Tritt Faulheit nicht seit der Industrialisierung als Antipode und Schatten der aktiven Tätigkeit auf? Und wie verhält sich der Faule im Spannungsfeld von Selbst- und Fremdsteuerung, Produktivität und Unproduktivität, Aktivität und Passivität? Wie ästhetisiert sich Faulheit gegenwärtig? Gibt es faule Arbeit, faule Lebensstile oder faule Utopien? An welchen Orten wohnt die Faulheit? Welche Techniken und Praktiken, welche Formen der Kontrolle und Überwachung werden im Namen des Faulen erfunden? Gibt es faule Dinge, faules Design? Kann man Faulheit delegieren?

Faulheit tritt als Freizeitgestaltung und Widerstand gegen das passiv Faule auf. Sie begegnet uns als Motor für Innovation, als politischer Widerstand und als Konsequenz des demographischen Wandels. In den Spielformen der Faulheit spiegelt sich die Krise der Leistungsgesellschaft. Die Veranstaltung möchte darum die bisher verstreuten Phänomene und Kontroversen der Faulheit bündeln und systematisieren – den Spielformen und Manifestationen des Faulen auf den faulen Zahn fühlen, um ihre politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Implikationen zu diskutieren. Die Veranstaltung verbindet unterschiedliche Formate, wie Lecture Performance, Talkshow und das Theaters miteinander, um verschiedene Konzepte des Faulsein vorzustellen und spekulative und kritische Ansätze des Faulen zu entwickeln.

Referenten und Referentinnen aus Kulturwissenschaften, Philosophie, Trendforschung und Design, nehmen Stellung zur Faulheit. Performer und Performerinnen agieren in Szenerien von pulp.noir, einer Künstlergruppe, die sich mit ihrer Arbeit «Silly Works» mit Routinen der Arbeit auseinandersetzt.

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