fashion talks concept

2011

Die Ausstellung fashion talks wurde von Vera Franke und Bitten Stetter hauptverantwortlich kuratiert.

Die Ausstellung fashion talks wurde als Wander- und Wechselausstellung vom Architekturbüro Franke|Steinert  in Zusammenarbeit mit Bitten Stetter konzipiert und umgesetzt und wandert seit 2011 bis voraussichtlich 2015 durch Deutschland und findet ihren Abschluss in die Schweiz. Eröffnet im Museum für Kommunkation Berlin (2011), folgten sechs Monate im Museum für Kommunikation Frankfurt (2012), Heinz Nixdorf Museumsforum Paderborn (2013) und Gewerbemuseum Winterthur in der Schweiz (2014).

Die Ausstellung  behandelt verschiedene Aspekte, die zum besseren Verständnis von Mode beitragen. Es werden so­ wohl grundlegende Prinzipien wie Distinktion und Nachahmung vermittelt als auch Einblicke in die Schaffensprozesse von Designern und die Interessen von Modeherstellern gegeben. Anhand der drei Basics Jeans, Camouflage und Tartan wird exemplarisch gezeigt, wie Mode entsteht und sich modische Codes einerseits Design und andererseits durch Tragweisen stets verändern.

“Bundfaltenhose oder zerschlissene Jeans, High Heels oder Flip Flops – mit der Überlegung „Was ziehe ich an?“ stellen wir uns Tag für Tag zugleich die Frage „Wer möchte ich sein?“. Denn noch bevor wir etwas sagen, hat unsere Kleidung schon für, über und vielleicht auch gegen uns gesprochen. Die Ausstellung fashion talks, die das Museum für Kommunikation Berlin am  7.Oktober 2011 eröffnete präsentiert und beleuchtet den individuellen und kollektiven Umgang mit Mode sowie die Botschaften, die wir damit transportieren.

Wer bestimmt was „in“ oder „out“ ist? Wozu gibt es Uniformen? Was ist ein Emo? Welche Stylecodes gelten in Jugendszenen? Ob Karos, Abzeichen, Streetwear oder Camouflage: auf rund 450 Quadratmetern nimmt die Schau alte und neue Modetrends unter die Lupe. Anhand alltäglicher Kleidungsstücke wie beispielsweise der Jeans zeigt sie nicht nur, wie kleine Abweichungen die Schnitte, Muster und Nachbearbeitungen in Codes verwandeln, sondern wie das komplexe und raffinierte System „Mode“ funktioniert. Von der Kreation bis hin zur Vermarktung veranschaulicht sie auch die Strategien der Modekonzerne und Designer.

Auf ihrem Rundgang durch die Ausstellung fashion talks können die Besucherinnen und Besucher ausprobieren, wie man eine Jeans auf „alt“ trimmen kann. Oder kreieren am Computer ihr ganz persönliches Tartanmuster. Einen Blick in die Zukunft wirft die Rubrik Das Neue: hier zeigen junge, noch unbekannte Designer im monatlichen Wechsel ihre Kreationen von morgen. Die 21 Quadratmeter große Zeittafel „Style Stones“ führt schließlich vor Augen, wie eng die Geschichte der Mode mit dem Zeitgeschehen verwoben ist. Am Ende wird deutlich, dass Modetrends einen kulturellen Prozess darstellen, den weder Designer, noch Hersteller, Medien oder Konsumenten allein beeinflussen.

Intro

Empfangen werden die Besucherinnen und Besucher von fünf lebensgroßen Figuren. Die weißen Gestalten sind mit Abzeichen wie Sonnenbrille, Orden oder Designermarken verziert und stehen jeweils für einen bestimmten Modetypen. Ein Spiegelgang konfrontiert die Gäste mit ihrem Selbstbild, aber auch mit der äußeren Erscheinung der anderen Gäste – ein  Vergleich, dem wir uns tagtäglich immer wieder stellen müssen. Die 21 Quadratmeter große Wandillustration Style Stones schließlich richtet den Blick in die Vergangenheit und erzählt unter anderem von der Befreiung der Frau aus dem Korsett, dem Einfluss der Sportmode auf die Alltagskleidung und die große Diversifizierung von Jugendstilen.

Uniformierung. Gleichheit im Anderssein

Ob Tracht, Berufskleidung oder Soutane – in dem Prinzip der Uniformierung vereinen sich die beiden modischen Grundbedürfnisse: Unterscheidung und Nachahmung. Uniformen heben das Individuum hervor und signalisieren die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Schulterklappen, Sterne und Orden spiegeln dabei Hierarchien und besondere Auszeichnungen wider und sind meist nur für Eingeweihte lesbar. In der Mode werden diese Abzeichen gerne zitiert; Accessoires wie Sonnenbrillen, Schnürsenkel oder gar Kopfhörer sind moderne Rangabzeichen einer Alltagsuniform. So dominiert der „Einheitslook“ der unterschiedlichen Milieu-, Jugend- und Trenduniformen das Straßenbild. Von der historischen Postuniform bis zum modischen Kunstnagel im Hahnentritt-Muster spannen die Exponate einen weiten Bogen, der die unterschiedlichen Strategien von Differenzierung nachvollziehbar macht. Wie ideenreich Design mit der Zeichensprache klassischer Uniformierungen spielt, zeigen unter anderem ein aus Model-Etiketten gefertigter Uniformmantel, eine handgestrickte Uniformjacke sowie eine von der Schauspielerin Meret Becker zur Verfügung gestellte Tweed-Krone aus dem Hause Vivienne Westwood, die Teil eines komplexen Re-Stylings von Bitten Stetter aus historischen Uniformteilen und Avantgarde-Designer sind.

Amt für jugendkulturelle Szenen. Codes unter Kontrolle

Jugendszenen sind wichtige Keimzellen für neue Trends. Ihr oftmals auffälliger Kleidungsstil findet viele Nachahmer. Modehersteller bedienen diese Zielgruppen, in dem sie szenetypische Merkmale kopieren und dem allgemeinen Geschmack anpassen. In der Ausstellung ist das „Amt für jugendkulturelle Szenen“ für die Verwaltung dieser Szenen zuständig. Ob die Hornbrille der„Warez“ (Computerfreaks), der Schal der „Ultras“(Fußballfans) oder die Neonkappe der „Atzen“ (Diskoprolls). Hier werden authentische Abzeichen von 24 Szenen in Schubladen aufbewahrt und präsentiert. Außerdem beschlagnahmt das Amt modische Ware, die Jugendszenen nachahmt. Ein Beispiel dafür, wie ursprünglich weltanschauliche Szenezeichen auf dem Wühltisch landen, ist die Verwendung des Plattencovers „God save the Queen“ der Punk-Band „Sex Pistols“: Während das Motiv  im Jahre 1977 noch ein von Vivienne Westwood für die Punk-Szene entworfenes T-Shirt zierte, wird mit dem Print auf T-Shirts von der Stange der Punk heute zum massenkompatiblen Phänomen. In einer in Zusammenarbeit mit dem Archiv der Jugendkulturen e. V. entstandenen Datenbank sind rund 180 Jugendszenen und deren Style Codes in Form von Kurzprofilen abrufbar. Und wer eine noch nicht erfasste Jugendszene kennt kann gleich vor Ort einen Antrag auf Aufnahme stellen – auf einer mechanischen Schreibmaschine versteht sich.

Kauf mich! Strategien des Modemarketings

Wer bestimmt, was mir gefällt? Wie werden aus Trends Strategien? Modekonzerne sind Nachahmer und Trendsetter zugleich. Sie bewegen sich am Puls der Zeit und absorbieren gesellschaftlich relevante Themen. Die Interessen ihrer Zielgruppe stets im Blick docken sie geschickt an aktuelle Themen und Inhalte an. So zum Beispiel die Marke „bed|stü” : Diese brachte 2010 mit ihrer „Gulf Coast Clean Up Collection“ Schuhe auf den Markt, die mit Ölspuren überzogen schienen. Suggeriert werden sollte, der Träger sei bei der Bekämpfung der Ölpest an der Golfküste dabei gewesen. Neben den auf das ökologische Denken ausgerichteten Strategien setzen Modekonzerne bewusst auf Themen wie „Schönheit“ oder „Tradition“ – oder auch auf die Kreativität der Konsumenten. Legendär ist hier der „adicolor“ von Adidas (1983), ein weißer Turnschuh, den man mit dazugehörigen Acrylfarben nach Lust und Laune farblich gestalten konnte.

Jeans, Camouflage, Tartan
Mode aber ist nicht nur schnelllebig und hochaktuell, sondern auch beständig. Denn oft greift sie zurück auf das Vorangegangene oder Alte und transformiert dabei die Bedeutungen und symbolische Aufladungen historischer Stoffe und Muster. Drei Musterbeispiele veranschaulichen, wie dieses Prinzip funktioniert:

Jeans. Die globale Alltagsuniform

Ursprünglich als robuste Arbeitskleidung für Goldgräber kreiert, prägen Jeans seit den 1950er Jahren jugendkulturelle Stile vieler Nationen. Heute sind sie globale Alltagsuniform. Aber: Jeans sind nicht gleich Jeans. Die persönlichen Gebrauchsspuren geben jeder Hose die besondere individuelle Note und verleihen ihr Authentizität. Unternehmen haben den Marktwert dieser Spuren erkannt. Ob „Moon Wash“ (Bleichung), Whiskers (Sitzfalten) oder die vom Portemonnaie ausgebeulte Gesäßtasche – sie imitieren diese Abnutzungen und vermarkten sie unter dem Label „Authentic Wear“ oder „Vintage Look“. In der Ausstellung kann man eine jeweils natürlich verschlissene Jeans mit den industriell auf alt getrimmten Hosen vergleichen und sich an einer Werkbank auch selbst beim Finishing (Nachbearbeiten) von Jeans erproben. Wie zugespitzt diese Nachbehandlungen sein können sein können, zeigen beispielsweise eine mit Shot Guns (Löchern) übersäte Jeans (Vivienne Westwood) sowie die bis auf die Faser zerrissene Jeans von Maison Martin Margiela.

Camouflage. Verstecken und Entdecken

Camouflage-Muster dienen der Tarnung und wurden für den militärischen Einsatz entwickelt. Heute signalisiert Camouflage in der Subkultur, der Haute Couture und auch im Mainstream  Zugehörigkeit und Abgrenzung. Der Wunsch aufzufallen, hat in der Mode den Effekt der Tarnung abgelöst. Seitdem hochpreisige Labels ihre Abendroben und Handtaschen mit Camo-Oberflächen dekorieren und Streetwear-Labels Camouflage als Markenzeichen einsetzen, hat sich der subversive Ausdruck von Camouflage-Mode verflüchtigt. Von der Wehrmachtsuniform über einen gestrickten Ganzkörpertarnanzug (OLEK) bis zum einem aus 4.800 Wäscheklammern kreierten Tarnkleid (Bitten Stetter) zeigt die Ausstellung, wie vielfältig Tarnkleidung sein kann.

Tartan. Stile im Fadenkreuz

Karierte Stoffe nennt man in Großbritannien Tartan. Ob Punk, Schulmädchen oder Oberschicht – je nach Farbspektrum entfalten sie eine ganz unterschiedliche Wirkung. Die meisten der bekannten Tartans wurden schon vor mehr als 250 Jahren in Schottland getragen und signalisierten die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Clan (Stamm). Auch heute transportieren die Muster eine ganz bestimmte Aussage: So steht das ursprünglich als Innenfuttermuster genutzte und mittlerweile tausendfach kopierte hellgründige „Nova Check“ der Marke Burberry für den Stil der „Upper Class“ (Oberschicht). Dem von den „Urban Heros“ getragenen rot-schwarz-gemusterten „Rob Roy“ dagegen haftet das rebellische Image des gleichnamigen schottischen Unabhängigkeitskämpfers an. „FASHION TALKS“ erzählt die Geschichte und Geschichten der Tartans und bietet die Möglichkeit, ein eigenes Tartan-Muster am PC zu kreieren und auf eine Papierkrawatte zu drucken.

Das Neue. Zurück in die Zukunft

Modemacher stehen unter dem Druck stets Neues erfinden zu müssen. Mehrere Kollektionen im Jahr sollen Publikum und Käuferschaft begeistern. Das kreative Potenzial dazu findet sich überall: in der Straßen- und Subkultur, in den Designabteilungen der Hersteller, in Fashion Blogs und in den Ateliers der Haute Couture. Oft greifen sie zurück auf das Vorangegangene oder Alte. Sie transformieren vertraute Bilder und nutzen deren Symbolkraft. Am Beispiel von Avantgarde Fashion Shows zeigt die Ausstellung, wie in der Mode zitiert, transformiert und provoziert wird und das Neue von der Symbolkraft des Bekannten profitiert und diese neu interpretiert. Im monatlichen Wechsel zeigen hier junge, noch unbekannte Designer ihre Kreationen von morgen.”